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Kindliche Verweigerung und soziale Kompetenzen...?

  • cljaeggi
  • 21. März
  • 3 Min. Lesezeit

Einem Kind, welches sichhäufig einer Aufgabe oder Aufforderung verweigert, wird auch häufig eine verminderte Sozialkompetenz attestiert: "Es weiss sich nicht zu benehmen", "es zeigt ein oppositionelles Verhalten", "es hat keinen Respekt" etc.


Verweigerung kann jedoch sehr unterschiedliche Ursachen haben. In jedem Lebensalter. Auch in der "Trotzphase" zwischen 2 und 5 Jahren. Auch im Schulalter. Auch im letzten Lebensdrittel. Also immer.


Am häufigsten wird hinter einer kindlichen Verweigerung Unlust oder Provokation gesehen. Aber Verweigerung kann auch aus Versagensangst entstehen, aus Scham, aus Reizüberflutung, aus körperlicher Erschöpfung, aus emotionaler Überlastung, aus Traumabelastungen, aus Kalkül, aus motivationalen Aspekten, aus Selbstschutz, aus...


Die häufigste Reaktion auf kindliche Verweigerung in schulischen Institutionen und leider auch in vielen Familien ist die Ausübung von Druck auf das Kind. Es soll seine Auflehnung unterdrücken, sich regulieren; es soll sich den Wünschen der Bezugsperson oder des Systems gehorchen und sich einfügen. Aber dieser Ansatz wurzelt im behavioristischen Menschenbild, welches davon ausgeht, dass kindliches Verhalten eher zufällig ist und daher konditioniert werden muss.

Das humanistische Menschenbild dagegen betont die individuelle Entwicklung jedes einzelnen Kindes und besteht daher auch auf individualisierte erzieherische Zugänge. Die humanistische Psychologie weiss um die Wichtigkeit, der Ursache für kindliche Verweigerung, besonders wenn sie gehäuft und in ähnlichen Situationen auftritt, wertneutral auf den Grund zu gehen.


Wenn das Kind tatsächlich eine Störung des Sozialverhaltens hat, dann können verhaltenstherapeutische Interventionen durchaus eine gute Hilfe sein. Auch bei einer dissozialen Persönlichkeitsstörung haben sich dialektisch-behaviorale Therapieansätze bewährt.* Wenn das Kind jedoch eine soziale Angststörung hat, dann ist ein psychoedukativer Ansatz und eine eng begleitete individuelle Expositionsbehandlung angezeigt. Oder dem Kind werden mit Hilfe kognitiver Interventionen hinderliche Grundüberzeugungen aufgezeigt, welche es daran hindern, einer Anweisung zu folgen. Wenn das Kind an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, geht es darum, ihm mit der Methode der kognitiven Umstrukturierung eine Modifikation seiner Informationsverarbeitungsprozesse zu ermöglichen. Hat das Kind eine affektive Störung, wird eine Therapie zur Phasenprophylaxe empfohlen. Hat das Kind eine Störung der Reizverarbeitung, wird darauf mit sensorischer Integrationstherapie reagiert. Und übrigens gilt dies alles nicht nur für Kinder mit einer diagnostizierten psychischen Erkrankung. Auch psychisch gesunde Kinder begegnen in ihrem Leben Stressoren, welche Verweigerung auslösen können. Es sind dieselben wie oben erwähnt - der Unterschied zwischen krank und gesund definiert sich nicht über das Vorhandensein oder die Absenz von Symptomen, sondern vielmehr über deren qualitative und quantitative Unterschiede. Deshalb: Ja, auch bei "unauffälligen" Kindern können vielerlei Gründe zur Verweigerung führen!


Wenn also einem sich verweigernden Kind vorschnell eine verminderte Sozialkompetenz oder ein bewusstes oppositionelles Verhalten attestiert wird: Drängt sich dann nicht auch die Frage nach der Sozialkompetenz der Bezugsperson(en) auf? Haben diese genügende Sozialkompetenzen, um auf die kindliche Verweigerung nicht mit automatisch mit einer verhaltenstherapeutischen Intervention zu reagieren, sondern mit einer dem Kind und seinen Bedürfnissen angepassten pädagogisch-therapeutischen Haltung?


Ich selber kann bei Weitem nicht immer die Gründe für die kindliche Verweigerung erkennen. Nicht bei meinen Schüler:innen, nicht bei meinen Klient:innen, schon gar nicht bei meinen eigenen Kindern. Aber ich bemühe mich wirklich (zumindest dann, wenn ich nicht gerade selbst am Rande der Erschöpfung bin), genau hinzusehen, hinzuhören und hinzuspüren, was denn hinter der Verweigerung steckt. Damit meine Reaktion der Ursache angemessen ausfällt. Und die Kinder spüren diese Bereitschaft, sie richtig zu erkennen. Und genau dies macht den Unterschied.



*wichtige Anmerkung: Persönlichkeitsstörungen werden erst ab einem Alter von 18 Jahren diagnostiziert. Es gibt allerdings auch bei jüngeren Kindern und Jugendlichen Verdachtsdiagnosen bzw. Merkmale, die darauf hinweisen.


Quellen:

Largo, R. (1977). Babyjahre. Piper.

Berking, M. & Rief, W. (Hrsg.) (2012). Klinische Psychologie und Psychotherapie. Springer.

Shaffer, D. & Kipp, K. (2010). Developmental Psychology. Wadsworth.

Reble, A. (1999). Geschichte der Pädagogik. Klett-Cotta.


Claudia Jäggi

21.03.2025


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